Position des Projekt Verein e.V. zum Projekt
»Leipzig-Aufsehen!«
Kontext und Bedeutung der Kampagne
Wer eine Öffentlichkeitskampagne lanciert, muss einen Widerhall in der
Öffentlichkeit nicht nur aushalten, sondern intendieren. Ein Projekt, ein
PR-Projekt im Besonderen, das die Öffentlichkeit nicht erreicht, ist eben
genauso harmlos wie wirkungslos.
Mit Absicht arbeitet das Projekt »Leipzig-Aufsehen!« mit
Überspitzungen und Aussagen, die zum Nachdenken anregen sollen. Die unter
Umständen irritierenden Sprüche und Motive auf den Vorderseiten der
Postkarten, die genau, weil sie sich nicht auf den ersten Blick
erschließen, zum Reflektieren und Weiterlesen anregen, werden auf der
jeweiligen Rückseite kurz erläutert, der Spruch wird konkretisiert,
die Interpretationsrichtung beeinflusst. Obwohl die Motive komplexe
Zusammenhänge teilweise provokant, irritierend oder karikierend auf den
Punkt bringen, stecken dahinter natürlich ernste Probleme und
Missstände, diese werden auf den Kampagnenseiten
http://aufsehen.conne-island erläutert und eine vertiefende
Beschäftigung durch Verweise auf weitere Texte und Initiativen angeregt.
Das Projekt »Leipzig-Aufsehen!« handelt mit den Postkarten und
der damit verbundenen Internetpräsenz genau nach dem bewilligten Antrag,
in dem es heißt: »Dafür wird eine interaktive
Öffentlichkeitskampagne entwickelt, die die Themen rechter und durch
Nazi-Ideologeme geprägter Denk- und Verhaltensmuster (Rassismus,
Antisemitismus, Autoritärer Charakter, Obrigkeitsstaatlichkeit) aufgreift
und mit einem klaren Leipzigbezug die Bürgerinnen und Bürger
sensibilisiert und zur Auseinandersetzung auffordert.« Und weiter,
speziell zu den Postkarten: »Es wird eine Postkartenserie erstellt, die
Ereignisse in Leipzig und Alltagsrassismus, Antisemitismus und rechte
Einstellungen dokumentiert, kommentiert und kostenlos über
Veranstaltungsorte und öffentliche Einrichtungen (wie z.B. im Rathaus) an
die Leipziger Bürgerinnen und Bürger verteilt wird. Die Postkarten
sollen zur Diskussion anregen und auf die Themenfelder aufmerksam machen. Auf
den Postkarten werden Leipzigerinnen und Leipziger zur Kommentierung
aufgefordert.« Es wird im Antrag betont, dass die Alltäglichkeit
zentral für die Kampagne ist: »Da bei diesem Projekt die
Auseinandersetzung mit den alltäglichen Erscheinungen wie rassistischen
Vorurteilen im Mittelpunkt steht, soll die Öffentlichkeit auch auf
direktem Weg angesprochen werden.«
Die Themen, die mit den Postkarten aufgegriffen werden, sind in Leipzigs Alltag
relevant, sie beschäftigen sich mit Missständen und Konflikten
innerhalb der Leipziger (Mehrheits-) Gesellschaft. Sicherlich sind es nicht die
einzigen Themengebiete, bei denen Rassismus, Antisemitismus und andere
Ausgrenzung eine Rolle spielen, aber sie sind alle mit entscheidend sowohl
für die gesellschaftliche Verfasstheit in Leipzig als auch für die
Außenwirkung der Stadt. Es sind Themengebiete, die gemeinsam mit
Jugendlichen und jungen Erwachsenen erarbeitet wurden, die ausgewählt
wurden, obwohl sie nicht die naheliegendsten zu sein scheinen, aber eben im
ganz »normalen« Alltag in Leipzig eine Bedeutung haben. Themen,
die angesprochen werden müssen, wenn Vielfalt und Toleranz in Leipzig
diskutiert werden und wenn man es ernst meint mit der Feststellung, der Kern
des Problems liegt in der Mitte der Gesellschaft und nicht an deren rechten
Rand. Mit Form und Inhalt der Kampagne haben wir bewusst nicht den einfachen,
harmlosen Weg, sondern den, der anecken und für Diskussionen sorgen kann,
gewählt.
Die Kampagne setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen, z.B. Postkarten,
Hintergrundtexte, Verweise, Kommtaranregungen. Wem sich eine einzelne Karte
nicht erschließt, wer Fragen zu den Inhalten hat, findet auf den
Kampagnenseiten möglicherweise bereits die Antworten und hat
zusätzlich die Möglichkeit sich an das Projektteam zu wenden.
Kontext und Bedeutung von »Leipzig toleriert
rechte
Sprüche in der Öffentlichkeit«
Mit dieser Postkarte wird zum einen thematisiert, dass rechte Einstellungen aus
der Mitte der Gesellschaft kommen, und zum anderen, dass rechte Sprüche
Teil des Alltags in Leipzig sind.
Elmar Brähler und Oliver Decker schreiben in ihrer brandaktuellen und
soeben erschienenen FES-Studie Bewegung in der Mitte: »dass
rechtsextreme Einstellung in allen gesellschaftlichen Gruppen wenn auch in
unterschiedlichem Ausmaß, so doch überall vorhanden sind. Der
Begriff »Rechtsextremismus« führt vor diesem Hintergrund in
die Irre, weil er das Problem ausschließlich als ein Randphänomen
beschreibt. Rechtsextremismus ist aber, bezogen auf die Ebene der
Einstellungen, ein politisches Problem in der Mitte der Gesellschaft.«
Diese Studie kann als Aktualisierung und Ergänzung bereits bestehender
Einstellungsforschung in der Bundesrepublik gesehen werden.
Bereits 2006 veröffentlichten die WissenschaftlerInnen der
Universität Leipzig die Studie vom »Vom Rand zur Mitte«
eine Erhebung zu rassistischen, nationalistischen, sexistischen, den
Nationalsozialismus verherrlichenden und anderen menschenfeindlichen
Einstellungen. Die Studie erfuhr große mediale und wissenschaftliche
Aufmerksamkeit, bewies sie doch einmal mehr, dass das »Problem
Rechtsextremismus« so wie es normalerweise wahrgenommen wird,
nämlich als gesellschaftliches Randphänomen, nicht existiert. So
wurde festgestellt, dass sich rund 15% aller Deutschen einen
»Führer (wünschen), der Deutschland zum Wohle aller mit
starker Hand regiert«. 26 Prozent wollen »eine einzige Partei,
die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert« und jede/r zehnte
Deutsche ist überzeugt, dass es »wertvolles und unwertes
Leben« gibt. Fast jede/r siebte meint, dass »die Deutschen von
Natur aus anderen Völkern überlegen sind.« Diese Daten gelten
für die gesamte Bundesrepublik und wurden in den Folgestudien
bestätigt.
Auch und vor allem für Sachsen konstatieren SozialwissenschaftlerInnen
immer wieder eine weite Verbreitung ausländerfeindlicher,
nationalistischer und antisemitischer Einstellungen und Handlungen. Die Autoren
Heitmeyer/Stichs schrieben nach der Beendigung einer Studie im Jahr 2005:
»So sind etwa zwei Drittel der Sachsen der Ansicht, es lebten zu viele
Ausländer in Deutschland und gut 45% stimmten der Aussage zu, dass in
Deutschland lebende Ausländer in ihre Heimat zurückgeschickt werden
sollten, wenn Arbeitsplätze knapp werden. Immerhin fast ein Fünftel
vertritt die Meinung, Weiße seien zu Recht führend in der Welt.
Ebenso viele stimmen dem klassisch antisemitischen Vorurteil zu, Juden
hätten in Deutschland zu viel Einfluss.«
(1)
Die Studie »Fremdenfeindliche Einstellungen unter Jugendlichen in
Leipzig«, veröffentlicht 2001 und herausgegeben vom jetzigen
Leipziger Bürgermeister und Beigeordneten für Jugend, Soziales,
Gesundheit und Schule Thomas Fabian, zeichnet ein ähnliches Bild. Bei der
Untersuchung wurden SchülerInnen befragt und herausgefunden: »Der
Anteil der Leipziger Schüler, die fremdenfeindliche Einstellungen angaben,
liegt bei rund 40 Prozent. Verglichen mit den Ergebnissen aus den anderen
(west)deutschen Städten, wiesen Leipziger Schüler den höchsten
Anteil fremdenfeindlicher Einstellungen auf. 18 Prozent davon wurden als stark
fremdenfeindlich eingestuft.«
Alle diese empirischen Befunde belegen, dass rechte Einstellungen in der
gesamten Bevölkerung vorhanden sind, und erschreckend hohe Zustimmungen zu
klar antidemokratischen, rassistischen und antisemitischen Aussagen
existieren.
Ausgehend von diesen Analysen und den Alltagserfahrungen der
ProjektteilnehmerInnen wurde sich für dieses Themengebiet für die
Kampagne entschieden. Im Training zum Reagieren auf rechte Parolen,
während des Workshops, und bei der Diskussion über persönliche
Erfahrungen wurde deutlich, dass jede und jeder bereits in der Situation war,
rechte Sprüche auch in der Öffentlichkeit zu hören, auf die
niemand der Umstehenden reagiert hat, egal ob in Cafés und Kneipen oder
im öffentlichen Nahverkehr. Zunächst war die Überlegung
tatsächliche nazistische Parolen, die im öffentlichen Raum
gesprüht wurden, zu dokumentieren. Diese naheliegende visuelle Umsetzung
wurde jedoch verworfen, weil sie das Augenmerk weg von der Mitte der
Gesellschaft gelenkt hätte, stattdessen wurden unspektakuläre
Ansichten von der Straße gewählt, die verdeutlichen, dass im Alltag
diskriminierende seien es rassistische, antisemitische, sexistische oder
homophobe Aussagen Normalität sind.
Mehr Informationen
Kontext und Bedeutung von »Leipzig toleriert
Nazis im
Stadion«
Das (Fußball-)Stadion ist traditionell Spielwiese verschiedener Formen
von Diskriminierung. Gerade in den letzten zwei Jahrzehnten ist diese Diagnose
in der bundesdeutschen Öffentlichkeit häufig gestellt worden.
Unverhohlen werden beim Fußball dunkelhäutige Spieler mit
rassistischen Sprüchen beleidigt, mit Bananen beworfen oder sogar
tätlich angegriffen, der Schiedsrichter als »Schwuchtel«
diffamiert und Frauen in sexistischer Manier zu Objekten männlichen
Zugriffs gemacht. Nazis begreifen daher nicht ganz unberechtigt das Stadion als
ihr ureigenes Betätigungsfeld. Kameradschaften organisieren sich als
Fangruppen, rassistische Transparente werden im Stadion aufgehängt, rechte
Symbolik wird offen zur Schau gestellt, rechte Hooligans machen Jagd auf
gegnerische Fans, MigrantInnen, Linke oder wähnen sich bei
Auswärtsfahrten der Nationalmannschaft auf einer Art
Stellvertreterfeldzug.
Die Situation in den 1990er Jahren war so katastrophal, dass sich auf deutscher
und europäischer Ebene verschiedene Initiativen gründeten, die sich
gegen Rassismus und Nazis im Stadion starkmachten. So z.B. das Netzwerk
Football Against Racism in Europe (FARE) oder das Bündnis aktiver
Fußballfans (BAFF). Auch der Deutsche Fußballbund (DFB) hat
spätestens Ende der 1990er Jahre erkannt, dass man sich gegen Rassismus
engagieren muss. Er lobte verschiedene Preise, wie den Julius-Hirsch- oder den
Integrationspreis aus, förderte die Einführung von
Antirassismusparagrafen in den bundesdeutschen Stadionsatzungen und
unterstützte zusehends die Arbeit antirassistischer Faninitiativen.
Während in den Bundesligen die antirassistische Arbeit durchaus Erfolge
zeigt, sieht es in den unteren Spielklassen häufig katastrophal aus. Ein
besonders gravierender Fall von rassistischem Fanverhalten und Nazigewalt ist
dabei Leipzig. Beim Leipziger Verein FC Sachsen Leipzig gibt es eine lange
rassistische Tradition. »Wenn das der Führer wüsst, was
Chemie Leipzig ist, dann wär er nur in Leutzsch, denn Leutzsch ist
deutsch«, »Wir bauen eine U-Bahn, von Probstheida bis nach
Auschwitz« und »Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher«
waren und sind beliebte Sprüche in der Kurve. Nazisymbolik findet sich
genauso im Stadion wie bei Fangruppierungen, die jedes
»undeutsche« Auftreten im Stadion unterbinden wollen und auch
aktiv bekämpfen.
Besonders aufschlussreich waren die Anfeindungen gegen den nigerianischen
Spieler Ade Ogungbure, der bei Sachsen Leipzig unter Vertrag stand und im Jahre
2006 wiederholt bei verschiedenen Spielen von gegnerischen Fans und Spielern
rassistisch beleidigt und sogar tätlich angegriffen wurde. Im März
2006 flippte er schließlich selber aus und zeigte den rassistischen Fans
des Halleschen FC den »Hitlergruß«. In einer
Täter-Opfer-Umkehr wurde Ogungbure, der das Spielfeld nur unverletzt
verlassen konnte, weil ihn die Spieler des Halleschen FC vor den rasenden
Angreifern, die als Lynchmob wahrgenommen wurden, schützten, daraufhin
für mehrere Spiele gesperrt. Anstatt sich schützend vor Ogungbure zu
stellen und den Rassismus anzuprangern, hat der Verein Ogungbure scharf
kritisiert. Die antirassistische Faninitiative »Wir sind Ade«
gründetet sich nach den rassistischen Anfeindungen gegen Ade Ogungbure.
Die Stadt Leipzig wiederum hat sich weitgehend herausgehalten.
Noch schlimmer ist die Situation aber derzeit beim Leipziger Verein Lok
Leipzig. Es ist nicht vermessen, von der Errichtung einer »National
befreiten Zone« im Umfeld des Vereins zu sprechen. Hier tummelt sich
nahezu die gesamte Nazi-Prominenz Leipzigs und des Umlands. Gegnerische
Mannschaften werden mit »Juden, Juden«-Rufen bedacht. Im Februar
2007 ließen mehrere Hundert Lok-Hooligans und -Fans den Sprüchen
Taten folgen. Sie grölten »Juden Aue«, machten Jagd auf
gegnerische Fans (die bei Lok als »links« verschrien sind) und
lieferten sich eine Schlacht mit der Polizei, die bundesweit für Aufsehen
sorgte, weil sie dabei so entfesselt und brutal vorgingen, dass die Polizei
sich »Killermaschinen« gegenüber fühlte und
Todesängste ausstand. Von den Gefühlen der gegnerischen Fans, die im
Gegensatz zur Polizei keinerlei Schutz besaßen, braucht man wohl kaum zu
sprechen.
(2)
Bereits 2006 bildeten mehrere Fußballfans in Probstheida ein menschliches
Hakenkreuz im Stadion.
(3) Eine der größten Fangruppierungen
bei Lok sind die Blue Caps, die offen mit der lokalen Nazi-Szene
zusammenarbeiten (Organisation von Demos, Propaganda im Stadion, Hetzjagden auf
vermeintliche Linke etc.). Im Umfeld der Spiele von Lok Leipzig werden immer
wieder Linke, MigrantInnen oder gegnerische Fans angegriffen. Von besonderer
Brisanz sind die wiederholten Angriffe von Lok-Fans und -Hooligans auf die
antirassistische Fangruppierung »Diablos Leutzsch«, die an
Gnadenlosigkeit und Brutalität ungekannte Ausmaße annehmen. Bereits
am 3. September 2004 griffen Lok Hooligans ein Hallenturnier in Leipzig
Markkleeberg an und verletzten mehrere Fans der Diablos und des
Fußballvereins Roter-Stern-Leipzig. In Internetforen wurde dies als Sieg
gegen die »Zecken« gefeiert. Im Dezember 2007 überfiel die
gleiche Klientel eine Weihnachtsfeier der Diablos auf dem Vereinsgelände
von FC Sachsen Leipzig, verprügelte die Anwesenden und zerstörte das
Vereinsheim. Am 3. Januar 2009 wurden erneut die Diablos von ca. 40 vermummten
Schlägern überfallen. Zielgerichtet wurden drei Personen
ausgewählt, die der linken Szene zugehörig gelten, und brutal
zusammengetreten. Eine Person verbrachte einige Tage mit Verdacht auf
Schädelbruch auf der Intensivstation. Alle anderen angegriffenen Personen
wurden ebenfalls verletzt.
Derlei Beispiele lassen sich mittlerweile vielfach ergänzen. Dass etwas
getan werden müsste, ist offensichtlich. Doch sowohl Politik als auch
Vereine tolerieren dieses Treiben weit über das erträgliche Maß
hinaus. Die Vereine Lok Leipzig und Sachsen Leipzig stilisieren sich
regelmäßig selbst als Opfer von übertriebener
Berichterstattung, ungerechtfertigter Stigmatisierung oder den angeblichen
Vereinnahmungsversuchen rechter Fans. Darüber hinaus rechtfertigen die
Vereinspräsidenten Steffen Kubald und Winfried Lonzen die Nazisprüche
in ihren Stadien immer wieder mit dem Verweis auf Tradition und gesunde
Rivalität. Auch die Stadt geht dieser Argumentation auf den Leim, wenn sie
die Auseinandersetzungen im Leipziger Fußball nur als Fankonflikt
zwischen Lok und »Chemie« begreift und die
regelmäßigen rassistischen Ausfälle lediglich als
Gewaltproblem. Zwar wird Lok Leipzig immer wieder ermahnt, sich seiner
»gewaltbereiten« Fans anzunehmen, deutliche Taten, die über
Ermahnungen hinausgehen, erwartet man jedoch vergeblich. Dass die Horden von
Lok Leipzig nicht nur jede abweichende Position im eigenen Stadion eliminiert
haben, sondern nach Selbstaussage unzählige Male in diversen
Internetforen breitgetreten die »Vorherrschaft« im Osten
und die »Zerschlagung« von alternativen Fanprojekten wie den
Diablos Leutzsch planen, scheint in den Diskussionen der Stadt keine Rolle zu
spielen. Lediglich wird über Gewaltprävention, also das Sichtbare,
diskutiert, statt den Kern des Problems, den Rassismus, Antisemitismus, die
Verherrlichung des Nationalsozialismus und den Hass gegen als
»undeutsch« Angesehenes in den Vordergrund zu rücken und als
intolerierbar zu bekämpfen.
Ganz im Gegenteil wird das gescheiterte Konzept der akzeptierenden Sozialarbeit
wieder aufgegriffen. So machen sich im Leipziger Fanprojekt, das u.a. von der
Stadt Leipzig finanziert wird, die Blue Caps breit, sie hatten über lange
Zeit einen eigenen Raum und gestalten das Fanprojekt mit nazistischer
Stellvertretersymbolik und haben es so geschafft, eine Verbindung zwischen den
Nazis der Freien Kräfte Leipzig und der Fanszene von Lok herzustellen.
All dies zeigt, dass ein Intervenieren der Stadt, zivilgesellschaftlicher
Kräfte, Sportfans und allen, die sich gegen Rassismus aussprechen, auf der
Tagesordnung stehen sollte. Davon ist jedoch jenseits einiger
Lippenbekenntnisse nicht viel zu erkennen. Dieses Versagen ist daher nicht
anders, als als unerträglich Toleranz gegen den Rassismus und Nazismus in
der Leipziger Fußballszene zu bezeichnen und hat zu der Postkarte von
»Leipzig-Aufsehen!« geführt.
Kontext und Bedeutung von »Leipzig toleriert
keine Obdachlosen
in der Innenstadt«
Die bewusste Exklusion verschiedener gesellschaftlicher Gruppen und Schichten
aus bestimmten Teilen des öffentlichen Raums ist bereits seit mehreren
Jahren Gegenstand sowohl politischer als auch akademischer Kritik. Der Geograf
Dr. Bernd Belina vom Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde hat
z.B. in mehreren Arbeiten darauf hingewiesen, dass »Raum« nicht
»natürlich«, sondern sozial konstruiert ist, zugleich
Gesellschaft räumlich organisiert wird. Raumproduktion, sicherheits- und
ordnungspolitischer Diskurs sind nach Belina insbesondere im Kontext von
Diskussionen um »innere Sicherheit« maßgeblich für
stadtsoziologische und stadtplanerische Kontexte. Die Bezugnahme auf die
Konstruktion von Kriminalität ist für diese Argumentation
maßgeblich. Denn in der Diskussion über das angeblich oder
tatsächlich bedrohte Sicherheitsgefühl wird auch
legitimatorisch der Bezug zu Kriminalität verlassen. Unter dieser
Perspektive ist es unerheblich, ob Personen kriminelle Handlungen begehen. Was
zählt ist, dass sie (durch ihre Existenz, durch das, was sie tun) das
Sicherheitsempfinden anderer beeinträchtigen (könnten). Der
Punker-Treff in der Nähe der Fußgängerzone, die Freizeittrinker
vor der Einkaufspassage oder die Jugendclique im Park vorm Hauptbahnhof
sie werden nicht zu sicherheitspolitischen Themen, weil sie Gesetze verletzen,
sondern weil sie als störend wahrgenommen werden. Nutzungskonflikte werden
so in Sicherheitsfragen verwandelt. Und schnell wird die Lösung bei der
Polizei und anderen uniformierten Professionen gesucht.
In einer vom Deutschen Städtetag herausgegebenen Veröffentlichung war
vor einigen Jahren Folgendes zu lesen: »Mit der Möblierung und
Bepflanzung der Straßen, vor allem der Fußgängerzonen, bieten
sich auch Verwahrlosten neue Aufenthaltsorte an, wo sie am städtischen
Leben Anteil nehmen können.« Dies sei zu verhindern.
Mit dem Begriff »Möblierung der Straßen« sind z.B.
Sitzbänke gemeint. Wer sitzt, hat nichts zu tun, hängt ab,
verstört mit seiner Geruhsamkeit nur die hastig vorbeieilenden Menschen.
Und nachts könnten Obdachlose auf Parkbänken schlafen. Damit all dies
nicht passiert, werden Sitzbänke entfernt und neue kaum installiert. Wo es
sich nicht vermeiden lässt, z.B. auf dem Bahnhof oder an
Straßenbahnhaltestellen, werden sie so konstruiert, dass sie zum
längeren Verweilen zu unbequem und zum Liegen völlig untauglich sind.
»Mittels geschickter Stadtmöblierung lässt sich der
öffentliche Raum auch so gestalten, dass er sozial unauffällig
wird.«
(4)
Dass die öffentlichen Orte ungemütlich gemacht werden, zeigt sich
aber nicht nur bei den Bänken. Generell wird z.B. mit einer offenen
Architektur, die keinen Schutz mehr vor Wind und Wetter bietet, versucht, den
längeren Aufenthalt unattraktiv zu machen. Die aktuellen architektonischen
Konzeptionen von Haltestellen, Telefonzellen und Bahnhöfen sprechen hier
leider Bände. Angenehm soll es in der Stadt nur für diejenigen sein,
die konsumieren.
Auch in Leipzig ist diese ganz grundsätzlich deutsche
Großstädte und deren Einkaufszonen betreffende Strategie
Bestandteil ordnungs- und städtebaulicher Politik. Dies illustrieren und
thematisieren u.a. die auf der Postkarte verwendeten Abbildungen von
Bänken und Sitzgelegenheiten, die entweder unbequem, oder aber zumindest
nicht zum längeren Ausruhen oder gar schlafen geeignet sind (im Bahnhof,
an Bushaltestellen, in der Innenstadt). In verschiedenen Veranstaltungen und
durch mehrere Initiativen wurde bereits auf diese, aber auch auf andere
Maßnahmen zur Exklusion und Privatisierung des öffentlichen Raums
hingewiesen. (z.B. durch die Initiative KulturDisplace
(5) von Conne
Island, Galerie für Zeitgenössische Kunst und der
KünstlerInnengruppe niko.31 oder der Kampagne »Leipziger
Kamera«
(6), die eng mit der Universität Leipzig zur
Thematik kooperiert). Dass die ungemütlichen und viel zu wenigen
Sitzmöglichkeiten vor dem Leipziger Hauptbahnhof (siehe
LVZ-Debatte ab
17.11.2006) nunmehr erweitert wurden, hängt leider nicht in erster
Linie mit der Einsicht bezüglich oben genannter Hintergründe
zusammen, sondern der durchaus berechtigten Kritik von
SeniorInnenverbänden: RentnerInnen konnten nämlich reihenweise die
Sitzgelegenheiten aufgrund fehlender Lehnen und Stützen nicht mehr nutzen.
Die Lobby für Obdachlose ist leider nicht so stark.
Es ist außerdem kein Geheimnis, dass
»Kontrollmaßnahmen« im öffentlichen Raum nicht nur
indirekt über die Aktualisierung der Stadtmöblierung
sondern auch ganz konkret und direkt umgesetzt werden. Zugunsten von
Sicherheitsempfinden und Wohlfühlambiente sollen nicht nur die Armen aus
dem öffentlichen Raum vertreiben, sondern auch »Andere«, die
stören. Dass das »freie Fahren« von SkaterInnen in der
Leipziger Innenstadt z.B. an der Universität quasi verboten
ist, ist ein Beleg für rigoroses Agieren der ordnungspolitischen
AkteurInnen. Platzverweise und die Beschlagnahmung von Skateboards galten
jahrelang als klassisch-repressives Vorgehen gegen die Szene. Der Verein
»Urban Souls«, der als Partner der Kommune die Skaterszene der
Stadt vertritt, hat mehrfach hiergegen protestiert. Seit einigen Jahren agiert
zumindest die Verwaltung »überlegter« und bietet zunehmend
Parcours und Skate-Anlagen außerhalb der Stadt an. Vielleicht die
elegantere Form der Verdrängung. Mit erwünschter Vielfalt haben diese
Realitäten wenig zu tun.
Mehr Information
- Bernd Belina: Raum, Überwachung, Kontrolle. Vom staatlichen
Zugriff auf städtische Bevölkerung. Münster 2006.
- Bernd Belina: Kriminelle Räume. Funktion und ideologische Legitimierung
von Betretungsverboten. Kassel 2000.
- Reader des KulturDisplace Projektes, 2007,
http://www.kulturdisplace.net/broschuere
- Christian Maskos: Vertreibung und Abschottung im Zeichen von
(Un-)Sicherheitsempfinden und Wohlfühlambiente - Zur Exklusion der Armen
aus Teilen des urbanen Raums.
- Heiner Busch, Norbert Pütter: Öffentlicher Raum unter staatlicher
Kontrolle, in: Bürgerrechte & Polizei/CILIP 81 (2/2005)
- Das Buch »The Contemporary Picturesque« von Nils Norman
dokumentiert, wie sich innerstädtisches Kontrolldesign entwickelt hat.
Rezensionen hierzu: »Risse im Ring aus Stahl«:
http://www.taz.de/nc/1/archiv/archiv-start/?dig=2001%2F07%2F24%2Fa0130
»Urbanomics
als Stillleben«: http://jungle-world.com/artikel/2001/04/26436.html
Kontext und Bedeutung von »Leipzig toleriert
ein
Zentralorgan«
Als eine der auflagenstärksten regionalen Tageszeitungen in Deutschland,
ist die
Leipziger Volkszeitung (LVZ) das meinungsbildende Medienorgan in
Leipzig.
(7) Ohne nennenswerten Gegenpart hält sie quasi ein
Monopol auf die lokale Berichterstattung, wodurch sie die Darstellung der
politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung der Stadt
prägt und einen großen Einfluss innerhalb der Lokalpolitik
erhält. Damit kann sie beinahe konkurrenzlos agieren. Problematisch ist
dies unter anderem, da sich gesellschaftliche Realität zunehmend über
die Rezeption von Medien erschließt und gerade für die lokale
Berichterstattung Tageszeitungen als Informations- und Meinungsquelle wichtig
sind.
(8) Zudem führt die publizistische Machtposition in Leipzig
dazu, dass der LVZ eine gesellschaftliche Machtposition zugeschrieben wird, die
sie scheinbar unkritisierbar werden lässt. Zwar scheint es, dass an jedem
Kaffeetisch eine kritische Meinung zur LVZ vorhanden ist, aber in privaten
Gesprächen verweisen sowohl StadtpolitikerInnen als auch Kulturschaffende
immer wieder darauf hin, dass sie ihr vermeintlich gutes Verhältnis zur
LVZ nicht gefährden wollen. Grund genug also die Berichterstattung der LVZ
genauer zu betrachten.
Kritik an der LVZ, wenn auch nicht immer für die breite
Öffentlichkeit wahrnehmbar, gibt es in Leipzig jedoch, unter anderem in
Bezug auf die Berichterstattung über migrantische LeipzigerInnen oder
MIgrantInnen.
(9) Die LVZ, so der Tenor, betreibe wiederholt die
Ethnisierung bestimmter Themenfelder und fördere so Vorurteile, Rassismus
und Diskriminierung. Nach Patrik Volf von der europäischen Stelle zur
Beobachtung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit finden sich offene
Verleumdungen in Massenmedien nur selten, »vielmehr werden ethnische
Minderheiten in bestimmte thematische Zusammenhänge gerückt und so
Assoziationsketten geschaffen, in denen Migranten zu Synonymen für
Kulturlosigkeit, Konflikt und soziale Probleme werden. Eine besondere Rolle
spielt hier die Berichterstattung über Kriminalität, denn abseits von
Einwanderungspolitik geht es beim medialen Erscheinungsbild von Migranten
hauptsächlich um Kleinkriminalität, Raub, Mord, organisiertes
Verbrechen und Drogen.«
(10) Solche Zuschreibungen können
als Voraussetzung für Diskriminierung und als dominanter Mechanismus des
sozialen Ausschlusses von MigrantInnen charakterisiert werden.
(11) Wer
die LVZ liest, kann durchaus den Eindruck gewinnen, dass dies gerade in der
Darstellung lokaler Ereignisse geschieht. Immer wieder erfolgen ethnische
Zuschreibungen nicht nur, aber auch, beim Themenfeld Kriminalität.
Überschriften wie »Täter illegal in Deutschland
Detektiv verfolgte Kaufhausdieb und stellte ihn in der
Bahn«
(12), »Staatsanwaltschaft: Vier Ausländer
haben Prügelattacken vor Leipziger Klubs verübt«
(13),
»Etwa jeder zehnte Ausländer lebt von
Stütze«
(14), »Amtsgericht: Bei
Zwangsversteigerungen von Immobilien treten immer mehr Ausländer
auf«
(15) und Aussagen wie, es sei »zu einer Auseinandersetzung zwischen
Deutschen und Ausländern gekommen. Dabei seien drei Leipziger verletzt
worden«
(16) vermitteln den Eindruck rassistische Stereotype zu
unterstützen und eine Basis für die soziale Ausgrenzung der als
nicht-deutsch Stigmatisierten zu bieten. Es stellt sich die Frage, ob der LVZ
nicht vorgeworfen werden kann diesen Ausgrenzungsprozess voranzutreiben, indem
sie als tägliche Informationsquelle zur Multiplikatorin von Ethnisierung
und Vorurteilen wird.
(17) Darüber hinaus ist es angesichts der
ca. 32.000 LeipzigerInnen ohne deutschen Pass und zahlreichen Menschen mit
Migrationshintergrund und deutschem Pass in der Regel unangemessen von
»den Ausländern« in Leipzig zu sprechen.
Die Darstellung von MigrantInnen wurde auch schon von anderer Seite kritisiert
und hat auch zu einer Beschwerde beim Deutschen Presserat
geführt.
(18) Mathias Rodatz vom Forum für kritische
Rechtsextremismusforschung (FKR) kritisiert an Inhalten der LVZ: »Der
populistische Fingerzeig auf die angeblich überbordende Gefahr durch
Jugend- bzw. Ausländerkriminalität lenkt von menschen-
und demokratiefeindlichen Einstellungen und Handlungen in der Mitte unserer
Gesellschaft ab. Auch über die Gewalt durch Nazis und über
Alltagsdiskriminierung z.B. aufgrund von Herkunft, Hautfarbe, aber auch
Behinderung oder sexueller Orientierung wird plötzlich nicht mehr
gesprochen, obwohl die Zahl der Vorfälle um ein Vielfaches höher
ist.« Zudem zielten die Darstellungen von MigrantInnen als potentiellen
Sicherheitsrisiken ebenso wie die Forderungen nach schärferen Gesetzen
gegen gefährliche »extremistische« Jugendliche auf eine
Einschränkung von bürgerlichen Grundrechten einer offenen
Gesellschaft ab.
(19) Doris Liebscher, Juristin vom
Antidiskriminierungsbüro Leipzig (ADB), analysierte die Berichterstattung
der LVZ und kommt zu dem Schluss, dass im Mittelpunkt des öffentlichen
Interesses nicht die Handlungen einzelner Jugendlicher stünden, sondern
deren »Migrationshintergrund«. »Junge MigrantInnen, die
sich in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen befinden, erscheinen als
homogene Gruppe. Wichtig scheint nur eins: es sind keine richtigen Deutschen,
die da gewalttätig sind.« Die Reduzierung von Menschen auf einen
ethnisch, national oder kulturell-religiös bestimmten
Migrationshintergrund verstärke die Vorstellung einer
»Andersartigkeit« der betroffenen Menschen.
»Gewaltbereitschaft liegt dann letzten Endes im Wesen dieser
Menschen«, so Liebscher, »genauso funktioniert
Rassismus«.
(20)
In einem gemeinsamen Positionspapier zur Kritik der aktuellen Debatten um
»Jugendkriminalität«,
»Ausländerkriminalität« und »Extremismus«
argumentieren ADB und FKR: »Nicht allzu lange ist es her, dass die
Leipziger Volkszeitung titelte: »Disko-Krieg. Debatte um kriminelle
Ausländer« (LVZ vom 20.10.2007) und in ihrer Berichterstattung die
Vorstellung bestärkte, dass Ausländer Kriminalität und Gewalt in
»unsere« deutschen Städte bringen, obwohl es sich in der
konkreten Situation um Auseinandersetzungen innerhalb des Milieus von
Freefightern, Hooligans und Security handelte. Und in einer aktuelleren Ausgabe
(LVZ vom 14.1.2008) wird »der forsche Hesse« Roland Koch für
seinen vermeintlichen Tabubrauch gelobt, wenn er eine »längst
überfällige Debatte« anstößt, »wie die
öffentliche Ordnung vor einer speziellen Gruppe von Jungkriminellen
geschützt werden kann«.
(21)
Bereits im Jahr 2000 gab die Stadt Leipzig selber, nämlich der
Ausländerbeauftragte Stojan Gugutschkow, eine Untersuchung zur
Berichterstattung der LVZ über MigrantInnen in Auftrag. Es kann vermutet
werden, dass diese Studie in Auftrag gegeben wurde, weil es bereits Kritik an
der Darstellung von MigrantInnen in der LVZ gab. Valeska Bopp kommt darin zu
dem Schluss, dass die LVZ vermeintliche und tatsächliche ausländische
Tatverdächtige regelmäßig besonders herausstellt. Zugleich
erfolgt bei mutmaßlich deutschen Tatverdächtigen keine Nennung der
Nationalität. Des Weiteren werden der Zeitung eine unangemessene
Sprachwahl und das grundsätzliche Nennen von Nationalitäten oder
Hinweisen auf die vermeintliche nicht-deutsche Herkunft nachgewiesen, auch
dann, wenn dies nicht in Zusammenhang mit einer Straftat stand.
(22)
Medien werden auch in der Forschung als »erheblich mitverantwortlich
für die Erzeugung und Verfestigung ethnisch-kultureller Konflikte«
angesehen.
(23) Diese problematische Praxis auch der LVZ kontrovers
kenntlich zu machen, hat sich das Projekt »Leipzig
Aufsehen« zum Ziel gesetzt und dafür eine Postkarte mit dem Spruch:
»Leipzig toleriert
ein Zentralorgan« veröffentlicht.
Die Zuschreibung Zentralorgan, weist dabei auf die Dominanz und den Einfluss
der LVZ in Leipzig hin
(24), gemeinsam mit der visuellen Umsetzung wird
diese eher karikierend thematisiert. Auf der Rückseite wird mit den
Sätzen »Eine publizistische Monopolstellung spricht nicht für
eine Vielfalt in Leipzig. Die LVZ wurde schon häufig kritisiert für
ihre tendenziöse Berichterstattung, besonders gegen MigrantInnen«
dieser Dominanzaspekt mit dem der Darstellung von MigrantInnen verbunden.
Kontext und Bedeutung von »Leipzig toleriert
MigrantInnen nur
auf der Bühne«
In den dörflichen Landstrichen Sachsen, in denen die NPD die
Fünfprozenthürde locker überspringt
(25), werden
MigrantInnen nicht einmal auf der Bühne toleriert. Leipzig hingegen sieht
sich als tolerante, weltoffene Großstadt; eine multikulturelle
Gesellschaft dürfte von vielen BewohnerInnen Leipzigs, aber auch den
MitarbeiterInnen der Stadtverwaltung als erstrebenswert angesehen werden. Doch
auch diese Einstellung ist nicht frei von Rassismen, rassistische Ausgrenzung
und Diskriminierung finden natürlich auch in Leipzig statt auf der
Straße, bei Behörden, in Betrieben, auf dem Wohnungsmarkt, im
Vollzug der Ausländerpolitik usw. Diese äußert sich nur
manchmal nicht so platt und gewalttätig wie von Seiten der Neonazis.
Gerade die Tatsache, dass AusländerInnen oder Deutsche mit
Migrationshintergrund selbstverständlicher Teil des Leipziger Kulturlebens
sind, aber in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft keine wahrnehmbare
Rolle spielen, verdeutlicht dies.
Rassismus fängt nicht erst da an, wo Menschen, die scheinbar nicht zur
Mehrheitsgesellschaft gehören, mit negativen Eigenschaften belegt werden.
Schon die Annahme homogener ethnischer Kollektive ist rassistisch, selbst wenn
diesen bestimmte, angeblich positiv gemeinte Eigenschaften zugestanden werden.
So ist zum einen die Aussage, dass »AfrikanerInnen die Musik im Blut
hätten«, und gerade deswegen eine Bereicherung für die
deutsche Kultur darstellen würden, natürlich falsch, zum anderen
leitet sie sich aus der kolonialrassistischen Vorstellung ab, dass
AfrikanerInnen naturhafte, unzivilisierte Menschen seien, die genau deswegen
ein anderes Körpergefühl (Tanz) und Emotionalität (Musik)
hätten.
(26) Drittens ist eine damit verbundene Wertschätzung
der kulturellen Darbietungen auch deswegen rassistisch, weil sie die
Anerkennung der Betroffenen davon abhängig macht, dass sie etwas zur
Bereicherung der deutschen Kultur beitragen, anstatt sie als Teil der eigenen
Kultur zu begreifen.
Während also MigrantInnen oder Deutsche mit Migrationshintergrund gern als
exotische Zutat goutiert werden, wo sie als nützlich gelten (sei es in der
Populärkultur, beim Sport oder in der Gastronomie), sind sie in vielen
anderen Bereichen nicht gleichberechtigter und selbstverständlicher Teil
dieser Gesellschaft. Egal ob in der Politik (schon aufgrund des
eingeschränkten Wahlrechts)
(27), auf dem Arbeitsmarkt (auch
aufgrund der rassistischen Arbeitsmarktpolitik
(28)), in leitenden
Positionen, in den Medien usw. sind sie unterrepräsentiert. Und die
wenigen, die jenseits der Bühne wahrnehmbar sind oder gar sozial
aufsteigen, müssen sich ständig blöde Fragen und erstaunte
Blicke gefallen lassen.
(29)
Selbst den antirassistischen Organisationen in Leipzig fällt während
der alljährlich stattfindenden interkulturellen Wochen nichts Besseres
ein, als die LeipzigerInnen vom Nutzen der AusländerInnen zu
überzeugen, in dem man sie auf der Bühne lustig musizieren und neben
der Bühne »typische Speisen aus der Heimat« kochen
lässt.
(30)
Diskotheken und Clubs in der Leipziger Innenstadt wurden schon häufig
für ihre rassistische Einlasspolitik kritisiert.
(31) Gerade
Veranstaltungsorte sind ein besonders deutliches Beispiel für die Aussage,
dass MigrantInnen nur auf der Bühne toleriert werden (und eben nicht im
Publikum).
Aber auch der Projekt Verein (Träger der Kampagne
»Leipzig-Aufsehen!«), der im Conne Island jedes Wochenende
internationale Stars auf seiner Bühne präsentiert, vermag es nicht,
im Alltagsgeschäft nicht-weiße Jugendliche dauerhaft einzubinden,
obwohl zu den regelmäßigen BesucherInnen u.a. Schwarze Deutsche oder
AsylbewerberInnen zählen.
Fußnoten
(1) Stichs/Heitmeyer Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Sachsen
2002-2005. S.36. Siehe auch die regelmäßigen Veröffentlichungen
von Wilhelm Heitmeyer unter dem Titel
Deutsche Zustände.
(2) http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,465677,00.html
(3) LVZ, 07.02.2006.
(4) Julia Ortner, Christopher Wurmdobler: Ausgestanden. In: Falter,
H. 18/03,30.04.2003.
(5)
www.kulturdisplace.net, das Projekt wurde von der Kulturstiftung des Freistaats
Sachsen gefördert.
(6) http://leipzigerkamera.twoday.net/
(7) Laut IVW III/08 hat die LVZ eine Verbreitung von 233.099
Exemplaren, zum Vergleich: Berliner Zeitung, 162.871, FAZ 387.064.
(8) Lokale Tageszeitungen genießen nach einer TNS Emnid Studie
von 2007 das größte Vertrauen in vermittelte Informationen und
besitzen die größte Glaubwürdigkeit, vor anderen Medien wir
Fernsehen und Hörfunk.
(9) So z.B. vom Antidiskriminierungsbüro Leipzig und dem Forum
für kritische Rechtsextremismusforschung
(10) Patrik Volf: Medien Minderheiten zwischen Klischee und
Mainstream. In: Forum Politische Bildung (Hg.), EU 25 - Die Erweiterung der
Europäischen Union (= Informationen zur Politischen Bildung, Band 19),
Studien Verlag: Innsbruck, 2003, 47-57.
(11) Vgl. Christoph Butterwegge, Migrant(inn)en, multikulturelle Gesellschaft und
Rechtsextremismus in den Massenmedien. In: UTOPIE kreativ, H. 151, Berlin 2003,
S. 395-405; und Ders: Themen der Rechten, Themen der Mitte: Zuwanderung,
demografischer Wandel und Nationalbewusstsein. VS Verlag: Wiesbaden, 2002.
(12) LVZ 23.02.2000.
(13) LVZ 11.06.2008.
(14) LVZ 19.08.2008.
(15) LVZ 27.12.2007.
(16) LVZ 18.10.2008.
(17) Wie LeserInnen durch eine solche Berichterstattung in ihrem
eigenen Weltbild bestärkt werden , zeigen Diskussionen im LVZ Forum, ein
Beispiel hierfür:»Brutaler Machtkampf um Leipzigs
Diskotheken« (
http://forum.lvz-online.de/showthread.php?t=658)
(18) 2008, eingereicht vom Antidiskriminierungsbüro Leipzig, die
Beschwerden wurde abgewiesen.
(19) Pressemitteilung, Januar 2008,
http://www.adb-sachsen.de/media/documents/1225374842.pdf
(20) Ebd.
(21) http://www.engagiertewissenschaft.de/content/view/94/83/
(22)
Valeska Bopp: »Der Täter sprach gebrochen deutsch...«
Ausländer und vermeintliche Ausländer in der
Kriminalitätsberichterstattung der Leipziger Volkszeitung, Leipzig: 2000.
Die Studie wurde nicht veröffentlicht.
(23) Bern Scheffer (Hg.): Medien und Fremdenfeindlichkeite. Opladen:
1997, S.18. Hier zit. nach Valeska Bopp.
(24) Zugleich, aber nicht vorrangig, spielt der Begriff auch mit der
Assoziation zu der Vorgeschichte der LVZ als Organ der SED Bezirksleitung. Die
damalige Abhängigkeit von offizieller Politik ist selbstverständlich
heute nicht mehr gegeben, eher scheint sich das Machtverhältnis umgedreht
zu haben.
(25) http://www.statistik.sachsen.de/wahlen
(26) http://de.wikipedia.org/wiki/Neger
(27) Referat Ausländerbeauftragter, Die Integration der Migranten
in Leipzig als Querschnittsaufgabe, 2006, S. 57 f.
(
http://www.leipzig.de/imperia/md/content/18_auslaenderbeauftragter/bericht_rab_006.pdf)
(28) Referat Ausländerbeauftragter, S. 31 ff.
(29) Ausführlich dazu im aktuellen Bestseller von Noah Sow:
Deutschland Schwarz Weiß (Bertelsmann, 2008)
(30) http://www.leipzig.de/ikw
(31) Das Antidiskriminierungsbüro führte 2006 und 2008 Tests
zu rassistischen Einlasskontrollen in Leipzig durch, 4 von 4 bzw. 3 von 8 Clubs
diskriminierten MigrantInnen. Zur Diskussion um den StudentInnenclub
Moritzbastei: Klarofix 10/1993, S. 19, und 10/2000, S. 49; allgemein zu
Einlassbeschränkungen von MigrantInnen in Leipziger Clubs: Referat
Ausländerbeauftragter, S. 20.