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Leipzig toleriert, 5.3k

... rechte Sprüche in der Öffentlichkeit

... rechte Sprüche in der Öffentlichkeit, 73.5k

Ein schwulenfeindlicher Spruch in der Kneipe, rassistische Kommentare in der Straßenbahn oder Judenwitze unter guten FreundInnen bezeugen rechte Einstellungen. Rassismus, Antisemitismus und andere Ausgrenzung sind keine Jugend- oder Gewaltprobleme, sondern finden sich überall.

Leipzig, Ort der Einfalt?

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Siehe auch: Kontext und Bedeutung von »Leipzig toleriert… rechte Sprüche in der Öffentlichkeit«
Hintergrundinformationen:

Rechte Einstellungen: ein Problem der Mehrheit
Reagieren auf rechte Parolen/Unsere Tipps
Was heißt überhaupt "rechts"?

Rechte Einstellungen:
ein Problem der Mehrheit

2006 veröffentlichten WissenschaftlerInnen der Universität Leipzig die Studie vom "Vom Rand zur Mitte" - eine Erhebung zu rassistischen, nationalistischen, sexistischen, den Nationalsozialismus verherrlichenden und anderen menschenfeindlichen Einstellungen. Diese Studie kann als Aktualisierung bereits bestehender Einstellungsforschung in der Bundesrepublik gesehen werden (siehe Heitmeyer: Deutsche Zustände.). Trotzdem erfuhr die Studie große mediale und wissenschaftliche Aufmerksamkeit, bewies sie doch einmal mehr, dass das "Problem Rechtsextremismus" so wie es normalerweise wahrgenommen wird, nämlich als gesellschaftliches Randphänomen, nicht existiert. So wurde festgestellt, dass sich rund 15% aller Deutschen einen "Führer (wünschen) der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert". 26 Prozent wollen "eine einzige Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert" und jede/r zehnte Deutsche ist überzeugt, dass es "wertvolles und unwertes Leben" gibt. Fast jede/r siebte meint, dass "die Deutschen von Natur aus anderen Völkern überlegen sind." Diese Daten gelten für die gesamte Bundesrepublik und die Autoren Brähler/Decker betonen: "Rechtsextremismus ist ein politisches Problem der Mitte der Gesellschaft." (Decker/Brähler, "Vom Rand zur Mitte", 2006, S.159)

Auch und vor allem für Sachsen konstatieren SozialwissenschaftlerInnen immer wieder eine weite Verbreitung ausländerfeindlicher, nationalistischer und antisemitischer Einstellungen und Handlungen. Die Autoren Heitmeyer/Stichs schrieben nach der Beendigung einer Studie im Jahr 2005: "So sind etwa zwei Drittel der Sachsen der Ansicht, es lebten zu viele Ausländer in Deutschland und gut 45% stimmten der Aussage zu, dass in Deutschland lebende Ausländer in ihre Heimat zurückgeschickt werden sollten, wenn Arbeitsplätze knapp werden. Immerhin fast ein Fünftel vertritt die Meinung, Weiße seien zu Recht führend in der Welt. Ebenso viele stimmen dem klassisch antisemitischen Vorurteil zu, Juden hätten in Deutschland zu viel Einfluss." (Stichs/Heitmeyer Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Sachsen 2002-2005. S.36)

Diese Ergebnisse treffen auch auf die BewohnerInnen der sich als "weltoffen" verstehenden Stadt Leipzig zu, die hier genannten Forschungsarbeiten wurden repräsentativ für alle BürgerInnen der Bundesrepublik und Sachsens, und damit Leipzigs, erhoben. Wie schnell diese rechten Einstelllungen bei diversen Anlässen in Aktivitäten umschlagen, wie nah also gesellschaftlich problematisierte Neonazis und "normale" BürgerInnen einander sein können, zeigen für Leipzig die Geschehnisse um den "Mord an Michelle" im Sommer 2008. Hunderte LeipzigerInnen reihten sich in eine Demonstration ein, die von bekannten Neonazis organisiert wurde und auf der die Einführung der Todesstrafe gefordert wurde. Im August liefen also nicht nur Hunderte BürgerInnen mit einem Transparent, welches mit der Aufschrift "nationaler Sozialismus" versehen war, gemeinsam mit schwarz-uniformierten Nazis durch den Stadtteil Reudnitz, sondern sie forderten zusätzlich die Einführung der Todesstrafe für Sexualstraftäter. Die hier beteiligten LeipzigerInnen mögen keine Nazis sein, wie sie von Presse und Polizei immer wieder beschrieben werden. Sie mögen in den oben genannten wissenschaftlichen Umfragen nur auf die eine oder andere Frage so geantwortet haben, dass man sagen könnte, sie seien tendenziell "rechtsoffen". Im sommerlichen Leipzig des Jahres 2008 hat sich gezeigt, wie schnell solche Einstellungen dazu führen, dass Menschen aktiv werden und mit Hunderten anderer menschenfeindliche Gesetze fordern und auf einer Demonstration eine Atmosphäre verbreiten, die kritische Anwesende als "Lynchmob-Stimmung" bezeichneten.

Wir sehr rechte Einstellungen, Alltagsrassismus und Diskriminierung auch in Leipzig verbreitet sind, zeigen sowohl Umfragen und Studien als auch Berichte über Diskriminierungen. Einen Überblick hierüber findet sich im Internetportal Chronik.le. Die Studie "Bewegung in der Mitte" analysiert rechte Einstellungen in Deutschland 2008 mit einem Vergleich von 2002 bis 2008 und aller Bundesländer. Die beiden Vorgänger-Studien "Vom Rand zur Mitte" (2006) und "Ein Blick in die Mitte" (2008) sind ebenfalls im Internet verfügbar.

Reagieren auf rechte Parolen/
Unsere Tipps

In dem mehrtägigen Workshop, der Teil des Projektes "Leipzig, aufsehen" war, wurden rechte Äußerungen im Leipziger Alltag thematisiert und wie darauf reagiert werden kann.

Wenn man mit anderen erstmal anfängt Sprüche und Situationen zu sammeln, dann merkt man ganz schnell wie vielen rechten Äußerungen man im ganz normalen Alltag begegnet. Und die Leute sind nicht direkt Nazis, die so was sagen, sondern ganz normale Deutsche.
Man kann auch trainieren auf rechte Sprüche zu reagieren. Je besser vorbereitet man sich fühlt, desto einfacher ist es in der Situation wirklich das zu sagen, was man möchte.
Wichtig ist es anderen über solche Situationen zu reden, meist fällt einem oder einer in der Gruppe mehr ein als alleine. Also ruhig mal gemeinsam schlagfertige Argumente sammeln.

Wir haben ein paar Übungen ausprobiert und fanden diese ganz gut: Die Links führen zu pdf Dateien, alle Übungen sind aus dem Baustein für eine nicht rassistische Bildungsarbeit vom DGB Thüringen.

Misch dich ein!
Besonders gut fanden wir, dass man die Situation auch abwandeln kann und zum Beispiel Sachen, die man selber erlebt hat, ausprobieren kann.

Parolen Paroli bieten
Zum einen ist gut, dass alle spontan reagieren und man merkt, dass einem/ einer auch direkt was einfällt. Zum anderen gefällt uns, dass man Ideen bekommt und sich merkt, wie andere reagieren würden.

Widersprechen aber wie?
Hier fanden wir gut, dass eigene Erfahrungen als Grundlage genommen werden und außerdem, dass hier viele Möglichkeiten des Reagierens aufgezeigt werden. Gerade über diese Argumentationsstrategien haben wir ziemlich lange geredet.

Argumentieren gegen rechts

Voraussetzung für ein sicheres Auftreten gegen rechte Parolen ist die eigene Auseinandersetzung mit dem Thema. Wenn ich mich auf mein Wissen verlassen kann, kann ich auch in Diskussionen sicherer auftreten, fühle mich inhaltlich nicht überfordert und bin besser in der Lage auf den Verlauf des Gesprächs/ der Auseinandersetzung zu achten und zu (re-) agieren.

Ziel: Rechte Parolen nicht unwidersprochen lassen und die eigene Position in Diskussionen stärken.
Kommunikationsstrategien (einige Anregungen): Verschiedene Argumentationshilfen, um auf Sprüche zu reagieren:

Das Ideal zeichnen:
Das heißt, eine Lehre beim Wort nehmen, auf jedem Wort und jedem Satz herumreiten, Absurditäten oder Brutalitäten ans grelle Licht zerren und schonungslos die Konsequenzen aufzeigen.

Das Objekt austauschen:
Die Grauenhaftigkeit eine Äußerung wird gezeigt, indem eine andere Personengruppe eingesetzt wird, die als Objekt von Hass und Aggression nicht akzeptiert wird.

An den Nationalsozialismus erinnern:
Unmenschlichkeiten in der Geschichte in die Erinnerung rufen und ihren Zusammenhang mit Ideologien deutlich machen.

Auslachen:
Wer über eine Sache lacht, hat keine Angst und keinen Respekt mehr vor ihr.

Karikieren:
Die Karikatur zeichnet ein scharfes Bild, sie ist polemisch und rückt bestimmte Aspekte ins Zentrum der Aufmerksamkeit, aber sie lügt nicht - und darauf beruht ihre Wirksamkeit.

Verfremdung:
Die Ideologie wird von außen, mit den Augen eines Zuschauers, der nicht in der Ideologie aufgewachsen ist, betrachtet.

Bagatellisierung:
Man bringt möglichst oft und deutlich zum Ausdruck, dass die Äußerung uninteressant, nebensächlich oder lächerlich ist.

Etwas mit absichtlich schlechten Gründen verteidigen:
Einer Äußerung wird beigepflichtet- aber mit Gründen, die als unzulässig oder ungehörig empfunden werden.

Ernst nehmen und hinterfragen
Obwohl etwas als Provokation gemeint war, wird es ernsthaft aufgenommen und mit warum etc. hinterfragt

"Opfergruppen" austauschen
Wenn jemand etwas über "die Türken" sagt, das vermeintliche Argument aufnehmen und z.B. durch Deutschen, Männern oder Frauen austauschen.

Mehr Information:

Tiedemann, Markus: In Auschwitz wurde niemand vergast. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt. Mühlheim a. d. Ruhr, 2000.

Hufer, Klaus-Peter: Argumentationstraining gegen Stammtischparolen. Materialien und Anleitungen für Bildungsarbeit und Selbstlernen. Schwalbach/Taunus: 2000.

Bundeszentrale für politische Bildung (BpB): Argumente gegen rechtsextreme Vorurteile. Informationen zur politischen Bildung, Mai 2001.

Argumente und Anregungen finden sich auch hier: http://www.comlink.de/cl-hh/m.blumentritt/agr.htm und http://lexikon.idgr.de/

Was heißt überhaupt "rechts"?

Rechte Ideologie beinhaltet im Wesentlichen Rassismus, Antisemitismus und Nationalismus und andere Ideologien der Ungleichheit (wie Homophobie und Sexismus).
Hiervon sind weitere Unterpunkte ableitbar, wie z.B. Antizionismus, positive Bezugnahme auf den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die Wehrmacht sowie das Verurteilen von Menschen, die als von der Norm abweichend gesehen werden. Ein wesentliches Kennzeichen von rechten Ideen ist die Identitätsbildung durch Abgrenzung von etwas Eigenem gegenüber etwas vermeintlich Fremden, wobei mit der Abgrenzung eine Aufwertung des Eigenen erfolgt.
Erscheinungsformen rechter Ideologieelemente können sowohl auf der persönlichen, interaktiven Ebene als auch auf struktureller, institutionalisierter Ebene auftreten. Auf der Alltagsebene kann z.B. über Ausländer geschimpft werden, die Deutschen angeblich die Arbeitsplätze wegnehmen; kann sich ein Bürgerverein gegen den Bau einer Synagoge gründen; wird eine Demonstration zur Ehre der Wehrmacht organisiert; oder die Handtasche fester umfasst, wenn ein Mann mit migrantischem Hintergrund auf der Straße vorbeigeht. Auf gesetzlicher Ebene werden u.a. Quoten für die Zuwanderung erlassen, die Chance auf einen Arbeitsplatz für MigrantInnen verringert und eine gewalttätige Abschiebepraxis ermöglicht.
Die Problematik einer Definition von 'rechts' kann hier nur angerissen werden, wichtig ist jedoch, dass von Ideologien, wie z.B. Rassismus, unterschiedlichste Erscheinungsweise existieren. Sie können das Denken, Sprechen und Handeln betreffen und sind mitnichten auf gewalttätige Angriffe reduzierbar. Sie sind bei Menschen jeden Alters anzutreffen und kein Jugendproblem, wie in der öffentlichen Diskussion häufig suggeriert, Elemente rechter Ideologien sind nicht am Rand der Gesellschaft verortet, sondern in deren Mitte. Zwar hat sich der Begriff Rechtsextremismus sowohl umgangssprachlich als auch wissenschaftlich durchgesetzt. Der Begriff an sich ist aber bereits problematisch, er suggeriert, dass es sich um eine Erscheinung am Rand, außerhalb der "eigentlichen und guten" Gesellschaft handelt. Die Bezüge und Überschneidungen mit der gesellschaftlichen Mitte werden vernachlässigt. Dabei bestätigen z.B. Umfragen regelmäßig, dass rassistische, antisemitische und nationalistische Positionen in der Mitte der Gesellschaft zu finden sind. Zusätzlich erfasst der Begriff erst Menschen mit relativ manifestem Gedankengut und höherer Gewaltbereitschaft.
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Gefördert im Rahmen des Lokalen Aktionsplans der Stadt Leipzig durch das Bundesprogramm »VIELFALT TUT GUT. Jugend für Vielfalt, Toleranz und Demokratie«

Vielfalt tut gut, 14.3k Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2.7k
aufsehen.conne-island.de - »Leipzig: Aufsehen!« - September-Dezember 2008 - Impressum